Schatten und Symbole

August 15th, 2007 by Manfred Bick

In seinem Beitrag „Schattierung(en)“ weist P.Gold Schatten eine auch „irritierende Wirkung“ zu: „Ihr zufälliges oder zeichenhaftes Aussehen hängt mit der intendierten Bedeutung von fotografischen Bildern zusammen. Schatten entscheiden, ob die Vorstellung … mit der Darstellung von Gegenständen übereinstimmt. Ist beides nicht ohne weiteres zur Deckung zu bringen, wird der Gegenstandsbezug der Fotografie außer Kraft gesetzt, … die Schatten nehmen zeichenhafte Gestalt an.“

Hier zeigen sich Parallelen zur Symbolik. Insbesondere in kulturellen Kontexten sind Symbole „Sinnbilder, die in ihrer Ausdruckskraft den Inhalt eines vorgestellten Gegenstandes zur Anschauung bringen. Im Unterschied zur Allegorie sind sie begrifflich nicht auszuschöpfen. Vielerlei Zeichen können einen Inhalt ausdrücken, verschiedene Inhalte mit einem Zeichen verbunden werden“ (Brockhaus). Nach F.C.Endres ist „das Symbol seinem Wesen nach nicht ein äußerliches Abbild eines Gegenstandes. Es bezieht sich stets auf das dem Kausalen, Phänomenalen, Dinglichen innewohnende Transzendente. Man kann es mit der Menschen Sprache nicht erklären noch benennen. Die Symbolik ist eine Bildersprache, der es um die Erschließung der seelischen Bereiche geht, an die Worte und Begriffe nicht mehr heranreichen.“

Während einiger Wochen intensiver Befassung mit diesem Thema drangen sanft, aber hartnäckig, Schattenbildungen auf Wänden und Wegen in meine Aufmerksamkeit, woraus eine fotografische Beschäftigung damit resultierte, sobald mir der zeichenhafte Charakter mancher Schattenwürfe bewusst wurde. Hierbei entstand auch diese Aufnahme:

Manfred Bick - Mainzer Landstraße

Beim Betrachten fallen dann tatsächlich einige Merkmale irritierender Mehrdeutigkeit auf. Die Schatten scheinen nach vorne auf den Betrachter zuzufließen oder nach ihm zu greifen. Unbestimmt ist ihre räumliche Lage relativ zur steinernen Fläche. Wohl erscheinen sie als auf dieser aufliegend, aber sie erstrecken sich wie Wurzeln auch unter dieser Oberfläche, die so einen durchscheinenden Charakter erhält. Durch die Assoziation mit dem den Schattenwurf verursachenden Objekt werden sie optisch zugleich über der Steinfläche lokalisiert. Darüber hinaus erwecken sie den Eindruck einer sich bewegenden elektrischen Entladung und wirken somit insgesamt irritierend. Schatten, als Abwesenheit von Licht, ist zum Positivum geworden. Die irritierende Wirkung ist dort am stärksten, wo der Schatten aufgrund größerer Entfernung von seiner Quelle unscharf abgegrenzt ist. Die Ausblendung des den Schatten werfenden Gegenstandes macht dabei einen Teil dieser Wirkung aus.

Zugegeben, dies sind höchst subjektive Verbalisierungen. Zugegeben weiter, daß andere Betrachter dieses Bildes andere Assoziationen haben mögen. Immerhin ist dies doch ein Beispiel für die Intensität, mit der Fotografie zur persönlichen Auseinandersetzung mit der Welt dienen kann. “Daß das Informationsdefizit zweidimensionaler Fotografie deren Interpretationsspektrum erweitert, ist … unübersehbar” (zitierter Beitrag P.Gold). Insofern bot die Nutzung dieses Informationsdefizits im dargestellten Beispiel die Möglichkeit zur Ablösung und Befreiung des als Symbol wahrgenommenen Schattens von der dinglichen, alltäglichen Umgebung. Diese Vorstellung beeinflußte dann auch Kontrast- und Dichtesteuerung des hier eingescannten Barytabzuges vom Mittelformat-Negativ (bei dessen Aufnahme die Steinoberfläche mit Zone VII 1/2 belegt wurde).

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