Piktogramme
September 4th, 2008 by Eduard SzekeresZwischen Kunst, Informationsvermittlung und Aufklärung
Piktogramme sind allgegenwärtig. Sie weisen auf Notausgänge hin, kennzeichnen Räume mit Rauchverbot oder zeigen uns wie wir Koffer auf Gepäckbänder zu legen haben. Sie werden meist dort eingesetzt wo es darum geht schnell Informationen zu vermitteln; wobei die Adressaten der Information oftmals aus verschiedenen Sprach- und Kulturgemeinschaften stammen. Schnelligkeit in der Erfassung und Sprachunabhängigkeit sind Hauptargumente für den standardisierten Einsatz von Piktogrammen. Im Computerbereich verwendete Piktogramme werden auch als „Icons“ bezeichnet. Beispiele sind etwa Symbole wie „Arbeitsplatz“ oder „Papierkorb“ von Microsoft Windows. Piktogramme die für den nicht-standardisierten Gebrauch entwickelt werden, sind meist in der Werbung zu finden.
Abbildung 1. Titel: „Image: National Park Service sample pictographs.svg“. Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Image:National_Park_Service_sample_pictographs.svg
Aufklärung durch Piktogramme
Wer nun glaubt, Piktogramme taugen nur zur Vermittlung einfachster Inhalte, der irrt sich. In einem ehrgeizigen Projekt mit dem Ziel der Volksaufklärung hat Otto Neurath zu Beginn der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts damit angefangen Piktogramme zur Vermittlung (komplexer) sozialer Zusammenhänge zu verwenden.
Neurath hatte mit Piktogrammen ein sehr weit gehendes Konzept der Aufklärung vor Augen. Er wollte, dass neben den gewaltigen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritten seiner Zeit, auch ein gesellschaftlicher Fortschritt stattfindet. Er wollte eine klare Verbesserung der Lebenslage der sozial schwachen Klasse, insbesondere der Arbeiter. Otto Neurath, Philosoph und Soziologe, wurde vor allem durch sein Wirken im Rahmen des „Wiener Kreises“ bekannt. Der Wiener Kreis ist eine Gruppe von Philosophen und Einzelwissenschaftlern die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine „neue Philosophie“ zu begründen versuchten. Die daraus hervorgegangene philosophische Strömung wird als „Logischer Empirismus“ bzw. „Logischer Positivismus“ bezeichnet. Programmatisches Ziel war eine wissenschaftliche Philosophie respektive eine Philosophie die in erster Linie Wissenschaftstheorie ist.
Eine neue Bildpädagogik
In der Planung und Gestaltung der Lebensverhältnisse auf dem Fundament wissenschaftlicher Erkenntnis sah Neurath die Chance die Gesellschaft zu verbessern, sie grundlegend zu reformieren. Daten und Informationen über die Gesellschaft liegen zumeist in Form statistischer Daten vor. Statistiken geben Aufschluss über sozio-ökonomische Sachverhalte wie etwa den Zusammenhang von Einkommensniveau und Lebenserwartung. Unter den Härten der sozialen Veränderungen im Wien der 20er Jahre litt insbesondere die Arbeiterklasse. Neben der Umsetzung sozialpolitischer Maßnahmen kam es vor allem auch auf eine Aufklärung der Arbeiterschaft an. „Neurath sah in der Statistik ein entscheidendes Instrument für den Kampf um eine Lebensordnung, deren Charakteristikum bewusste Planung und Gestaltung ist. […] Andererseits sah Neurath genau, wie wenig statistische Kenntnisse unter denen verbreitet waren, die sie nutzen sollten…“ (Neurath 1979: 47)[1]. Die Idee war, anstelle von Zahlen und Graphen Bildsymbole zur Informationsvermittlung zu verwenden.
Abbildung 2. Titel: „Streiks“. Quelle: http://gerdarntz.org/node/719/
Hier sei der Unterschied zu Illustrationen, die auch über Bilder Informationen vermittelt, mit Nachdruck erwähnt. Bei Illustrationen vermittelt der Text die Hauptinformation und das Bild ist Beiwerk, Illustration eben. Bei Neurath ist es jedoch umgekehrt, das Bild vermittelt die Hauptinformation. Es steht für sich alleine. Wörter unterstützen und ergänzen lediglich die bestehende Information des Bildes; in diesem Falle sind Wörter Beiwerk. Diese neue Bildpädagogik hieß zunächst „Wiener Methode“ der Bildstatistik und später „ISOTYPE“ (International System Of TYpographic Picture Education). Maßgeblich bei der grafischen Gestaltung beteiligt war der deutsche Grafiker Gerd Arntz. (Eine große Kollektion an ISOTYPE Piktogrammen kann man auf http://gerdarntz.org finden.)
Das Ende der Bildstatistik
Die Bildstatistik war vor allem damit beschäftigt sozio-ökonomische Inhalte zu vermitteln. Im Zuge der medizinischen Aufklärung und Hygiene Bewegung wurde sie gezielt eingesetzt um bildungsferne Schichten zu erreichen. Neuraths Bildtafeln wurden in eigens dafür geschaffenen Museen ausgestellt, fanden in Schul- und Lehrbücher und auch in statistischen Jahrbüchern ihre Verwendung, sogar ein Zeichentrickfilm mit ISTOYPE Piktogrammen wurde produziert. Die letzten Bildstatistiken im Neuarathschen Sinne wurden in den 60er Jahren hergestellt. Seit dem ist die Bildstatistik von Bildfläche verschwunden. Über die genauen Gründe kann man nur spekulieren. Zeit- und Kostenintensivität bei der Herstellung sowie der gestiegene allgemeine Bildungsgrad in der Bevölkerung mögen relevante Gründe gewesen sein. Für andere wiederum wirkt das ISOTYPE Projekt wie ein utopisch motiviertes Relikt einer längst vergangenen Zeit des sozialistischen Aufbruchs. Ob ISOTYPE Bildtafeln im multimedialen 21. Jahrhundert sinnvoll eingesetzt werden können, gilt es freilich noch zu entscheiden.
[1] Hegselmann, Rainer. 1979: Otto Neurath Wissenschaftliche Weltauffassung Sozialismus und Logischer Empirismus. Herausgegeben von Rainer Hegselmann. Frankfurt am Main